19. Dezember 2015 · Kommentare deaktiviert für „Ich bin Vegetarier“ – Aber: Was heißt das eigentlich? · Kategorien: Allgemein, Vegetarier sein · Tags: ,

Vegetarier zu sein, scheint derzeit hip zu sein. Selbst in TV-Kochshows duellieren sich Vegetarier, um ihre Rezeptsicherheit zu zeigen. Promis posaunen es laut heraus und im Zuge von Öko, Bio und Tierschutz ist der Vegetarier up-to-date. Aber: Was heißt das eigentlich, Vegetarier?

Der Begriff Vegetarier

Vegetarier sein - was heißt dasVegetarier ist angeblich ein Begriff, der aus dem Lateinischen abgeleitet ist. Keine Angst, niemand benötigt das große Latinum, um das zu verstehen. Es gibt zwei Begriffe, auf die diese Ableitung zurückzuführen ist. Zum einen wäre das „vegetare“. Das heißt leben. Soweit ganz schlüssig. Der zweite Begriff lautet „vegetus“, was so viel wie frisch oder lebendig heißt. An sich auch ganz schlüssig. Kurioserweise ist der Begriff Vegetarier demnach aber eben nicht als „Pflanzenfresser“ zu übersetzen. Daher angeblich.

Jetzt wird es noch doller. Denn Wikipedia erklärt dem geneigten Leser, dass der Begriff von „Vegetation“ und dem englischen „vegetable“ (Gemüse) stammen soll. Damit grenzt sich das „Online-Lexikon“, das immer mal wieder mit Vorsicht zu genießen ist, von Verbänden wie der Vegetarian Society ab, die sich als älteste Vegetarierorganisation versteht und selbst erklärt, den Begriff von „vegetus“ abgeleitet zu haben. Die Begründung: Fleischlose Ernährung galt als Diät, mit der sich die Menschen „lebendiger“ fühlten. Ich neige dazu, der Organisation in diesem Punkt mehr Glauben zu schenken. Der Duden meint zum Begriff übrigens: „Jemand, der sich [vorwiegend] von pflanzlicher Kost ernährt“. Hier kommen wir der Sache schon näher. Denn so oder so ist es nicht wichtig, woher er stammt, sondern wie der Begriff Vegetarier mit Leben gefüllt wird.

Vegetarier und Vegetarier – wer isst was?

Vegetarier - SymbolDenn so klar auf dem ersten Blick der Begriff Vegetarier definiert zu sein scheint, so unterschiedlich sind die Ausprägungen. Der eine isst nur kein Fleisch, der andere Verzichtet auf Eier und Milchprodukte, wieder andere reagieren auf Pelze und Leder ebenfalls ablehnend, wer es extrem mag, wird Veganer oder Frutarier. Toleranter sind da die Pescetarier, die für mich aber per Definition keine Vegetarier sind. Diese Vegetariergruppen sind typisch und unterscheiden sich:

  • Ovo-lacto-Vegetarier essen Milch- und Eierprodukte.
  • Lacto-Vegetarier essen nur Milchprodukte, verzichten aber auch Eier.
  • Ovo-Vegetarier essen keine Milchprodukte, aber Eier.
  • Veganer essen keinerlei tierische Produkte (und lehnen häufig auch Leder usw. ab).
  • Frutarier ernähren sich nur von Früchten und Gemüse, die ohne Zerstörung der Pflanze geerntet werden. Dabei sind Extreme zu beobachten, die sogar Wurzelgemüse verweigern, weil damit zwangsläufig die Pflanze vernichtet wird.
  • Rohkostler werden oft mit Frutariern gleichgesetzt, ernähren sich aber nur von ungekochten Pflanzen, ohne zwangsläufig Frutarier zu sein.
  • Flexitarier sind Menschen, die unter diesem Kunstbegriff immer wieder ihr Vegetarierdasein durchbrechen und mehr oder weniger regelmäßig auch Fleisch essen. Hart beurteilt sind es keine Vegetarier.
  • Pescetarier essen kein Fleisch, aber Fisch und Meeresfrüchte. Per Defintion sind es keine Vegetarier.
  • Puddingvegetarier ernähren sich fleischlos, greifen aber gern bei Süßigkeiten zu. Ebenfalls ein Kunstbegriff, der besonders auf sich wenig bewusst ernährende Vegetarier zutrifft.

Nicht zu vergessen: Viele Vegetarier sind nicht konsequent, weil sie es zum Teil nicht möchten oder besser wissen. Käse wird häufig unter Verwendung von Lab hergestellt, Gelatine ist tierisch und wird selbst bei der Herstellung von Getränken genutzt und manchmal gibt es tierische Eiweiße oder Fette unter „neutralen Bezeichnungen“, deren Ursprung man als Vegetarier vielleicht lieber nicht kennen möchte, wenn auch sollte.

Was ist ein Vegetarier: Einstellung und Ernährung

Der Begriff Puddingvegetarier drückt für mich daher am besten aus, dass die verschiedenen Vegetariergruppen selbst innerhalb ihrer Bezeichnungen alles andere als homogen sind und der Vegetarismus viel mit Einstellung zu tun hat. Fleischlos heißt eben nicht, sich zwangsläufig gesund oder bewusster zu ernähren. Es ist in erster Linie ein Verzicht auf Fleisch. Ein Verzicht, der auf ethische oder gesundheitliche Gründe, religiöse Regeln oder einfach auf Lebensereignisse zurückzuführen ist. Welchen Weg ein Vegetarier wählt, bleibt abgesehen von teilweise unzutreffenden Bezeichnungen natürlich ganz allein ihm überlassen. Der eine wird sich serh gesund und bewusst, der andere vielleicht „nur“ fleischlos ernähren und sich an Fleischersatz und Süßspeisen laben.

Denn Vegetarismus ist kein Dogma, auch wenn einige es dazu erheben möchten. Es ist ein individueller Lebensweg, den jeder selbst mit Inhalt füllen muss. Dazu gehört auch, bei Einladungen, in Restaurants oder im Urlaub immer wieder Entscheidungen zu treffen, wie streng mit Essens-Angeboten umzugehen ist. Vegetarier zu sein, heißt spätestens dann, auch verzichten zu müssen. Mit Alternativen auszukommen, die vielleicht „suboptimal“ sind.

Vegetarier zu sein, heißt aber auch, auf die eigene Gesundheit zu achten. Eisen und B12 sind nur zwei von einigen wichtigen Themen, die mehr oder weniger stark beschränkte pflanzliche Ernährung mit sich bringt. Kurz: Jeder kann machen, was er möchte, aber als Vegetarier muss jeder mit Verzicht umgehen können und wollen. Und jeder Vegetarier muss lernen, auf sich acht zu geben. Und das sollte auch jeder wissen, der sich für einen der vielen Wege entscheidet, um Vegetarier zu werden.

Kommentare geschlossen.